SONNTAG, 30. NOVEMBER 2025
Ältere Frau mit holographischer Gehirn-Visualisierung - Alzheimer-Forschung und neurodegenerative Erkrankungen

Vitamine bei Alzheimer unwirksam

Können Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel Alzheimer vorbeugen oder behandeln? Diese Frage beschäftigt Millionen Menschen weltweit, die nach Wegen suchen, ihre geistige Gesundheit im Alter zu erhalten. Die Werbung verspricht oft Wunder: Multivitamine für ein besseres Gedächtnis, Antioxidantien zum Schutz der Nervenzellen, spezielle Nährstoffgetränke gegen Demenz. Doch was sagt die Wissenschaft? Die Antwort ist ernüchternd und teilweise alarmierend: Die meisten Vitamin- und Mineralstoffpräparate sind bei Alzheimer wirkungslos – und einige, wie Calcium-Supplemente, könnten sogar das Demenzrisiko verdoppeln. In diesem wissenschaftlich fundierten Artikel beleuchten wir 14 große Studien, die zeigen, warum Centrum Silver, Vitamin E, Beta-Carotin, Souvenaid und andere Supplemente nicht halten, was sie versprechen.

Alzheimer und die Rolle von Antioxidantien

Alzheimer ist eine neurodegenerative Erkrankung, die zu fortschreitendem Gedächtnisverlust und kognitiven Beeinträchtigungen führt. Sie ist die häufigste Form der Demenz und betrifft weltweit Millionen Menschen. Im Gehirn von Alzheimer-Patienten bilden sich charakteristische Amyloid-Plaques und Tau-Verwicklungen, die Nervenzellen schädigen und absterben lassen.

Eine interessante Beobachtung: Alzheimer-Patienten haben signifikant niedrigere Blutspiegel von 8 von 10 untersuchten Antioxidantien. Das könnte darauf hindeuten, dass oxidativer Stress eine Rolle bei der Krankheitsentstehung spielt. Doch Vorsicht – dieser Zusammenhang könnte auch einfach eine Folge sein: Menschen mit Demenz ernähren sich oft schlechter und essen weniger Obst und Gemüse.

Diese Beobachtung führte zu einer logischen Frage: Können Antioxidantien wie Vitamin E, Vitamin C oder Beta-Carotin Alzheimer vorbeugen? Jahrzehntelang wurden große klinische Studien durchgeführt, um genau das herauszufinden. Die Ergebnisse sind eindeutig – und enttäuschend.

Vitamin E und Selen: Die PREADViSE-Studie

Wirkt Vitamin E gegen Alzheimer?

Vitamin E gilt als eines der stärksten fettlöslichen Antioxidantien und wurde lange als vielversprechender Kandidat für die Alzheimer-Prävention gehandelt. Die PREADViSE-Studie (Prevention of Alzheimer’s Disease by Vitamin E and Selenium) testete systematisch, ob Vitamin E oder Selen das Demenzrisiko senken können.

Das Ergebnis: Vitamin E zeigte KEINE Wirkung zur Demenz-Prävention. Auch Selen, ein wichtiges Spurenelement mit antioxidativen Eigenschaften, war vollständig wirkungslos. Die Teilnehmer, die über Jahre hinweg Vitamin E oder Selen einnahmen, entwickelten genauso häufig eine Demenz wie die Placebo-Gruppe.

Diese Studie war besonders aussagekräftig, weil sie über einen langen Zeitraum durchgeführt wurde und eine große Teilnehmerzahl hatte. Die Hoffnung, dass Antioxidantien die Gehirnzellen vor dem Abbau schützen könnten, erfüllte sich nicht.

Warum versagt Vitamin E bei Alzheimer?

Es gibt mehrere mögliche Erklärungen: Erstens könnte oxidativer Stress bei Alzheimer eher eine Folge als eine Ursache sein. Zweitens erreichen oral eingenommene Antioxidantien möglicherweise nicht in ausreichender Konzentration das Gehirn. Drittens ist Alzheimer eine komplexe Erkrankung mit vielen Ursachen – ein einzelnes Antioxidans kann diese Komplexität nicht aufhalten.

Beta-Carotin und Vitamin C: Langzeitstudien mit gemischten Ergebnissen

Beta-Carotin: Funktioniert es bei Männern anders als bei Frauen?

In der Harvard Physicians‘ Health Study wurden fast 6.000 ältere Männer nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, um entweder Beta-Carotin oder ein Placebo zu erhalten. Beta-Carotin ist die Vorstufe von Vitamin A und kommt natürlicherweise in orange-gelben Gemüsesorten wie Karotten und Süßkartoffeln vor.

Nach drei Jahren zeigte sich kein Unterschied zwischen den Gruppen. Aber nach 11 Jahren hatten die Männer, die täglich die Menge Beta-Carotin aus etwa 150 Gramm Süßkartoffel einnahmen, leicht bessere kognitive Leistungen. Der Effekt war statistisch signifikant, aber sehr gering.

Eine ähnliche Studie bei älteren Frauen fand jedoch nach neun Jahren keinen kognitiven Vorteil. Warum die unterschiedlichen Ergebnisse? Möglicherweise braucht es bei Frauen länger, bis ein Effekt sichtbar wird – oder die Wirkung ist geschlechtsspezifisch unterschiedlich. Vielleicht war der kleine Effekt bei Männern auch nur ein statistischer Zufall.

Vitamin C: Zu wenig, zu spät?

Vitamin C, ein wasserlösliches Antioxidans, wurde ebenfalls getestet. In großen Studien versagte Vitamin C zunächst komplett – erst in der neunten Jahresevaluation schien die Vitamin-C-Gruppe einen kleinen Vorsprung zu bekommen.

Doch als Forscher Kombinationen testeten – Vitamin C plus Vitamin E plus Beta-Carotin – zeigten zwei große Studien (eine mit 1.500 Teilnehmern über sieben Jahre, eine andere mit über 20.000 Teilnehmern über fünf Jahre) überhaupt keinen kognitiven Vorteil für den Antioxidantien-Cocktail.

Die Botschaft ist klar: Antioxidantien-Supplemente, ob einzeln oder kombiniert, bieten keinen zuverlässigen Schutz vor Alzheimer oder kognitiver Beeinträchtigung.

Multivitamine: Die enttäuschende Centrum Silver Studie

Helfen Multivitamine gegen Alzheimer?

Wenn einzelne Vitamine nicht helfen, vielleicht dann ein umfassender Multivitamin-Multimineral-Komplex? Die Harvard Physicians‘ Health Study testete auch die tägliche Einnahme von Centrum Silver, einem der bekanntesten Multivitaminpräparate für ältere Menschen.

Über 12 Jahre hinweg nahmen tausende Männer täglich Centrum Silver oder ein Placebo. Das Ergebnis war ernüchternd: Die Centrum-Gruppe zeigte KEINE kognitiven Vorteile gegenüber der Placebo-Gruppe. Kein besseres Gedächtnis, keine verlangsamte kognitive Alterung, kein reduziertes Demenzrisiko.

Diese Studie ist besonders bedeutsam, weil Multivitaminpräparate zu den meistverkauften Nahrungsergänzungsmitteln weltweit gehören. Viele Menschen nehmen sie in der Hoffnung, ihre allgemeine Gesundheit und speziell ihre geistige Fitness zu verbessern. Die Centrum Silver Studie zeigt: Zumindest für die Alzheimer-Prävention sind sie nutzlos.

Was bedeutet das für die Praxis?

Multivitaminpräparate können sinnvoll sein bei nachgewiesenen Mangelzuständen. Aber als Alzheimer-Prävention für gesunde Menschen ohne Mangelernährung sind sie nicht wirksam. Das Geld kann man sich sparen – oder besser in eine gesunde, vollwertige Ernährung mit viel Obst und Gemüse investieren.

Souvenaid: Das gescheiterte Wundergetränk

Was ist Souvenaid?

Souvenaid ist ein medizinisches Nährstoffgetränk, das speziell für Menschen mit Alzheimer entwickelt wurde. Es enthält eine patentierte Nährstoffformulierung namens Fortasyn Connect mit Omega-3-Fettsäuren, Phospholipiden, Vitaminen und anderen Substanzen. Das Konzept: Diese Nährstoffe sollen die Bildung von Synapsen im Gehirn unterstützen und so die kognitive Funktion verbessern.

Die Werbung versprach viel. Doch die Wissenschaft sagt etwas anderes.

Funktioniert Souvenaid bei Alzheimer?

Es wurden drei große randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt mehr als 1.000 Personen durchgeführt. Die Ergebnisse waren eindeutig negativ:

  • Souvenaid verhinderte NICHT die Entwicklung von Demenz
  • Souvenaid hatte wahrscheinlich wenig oder gar keinen Effekt auf Gedächtnis oder andere kognitive Fähigkeiten
  • Sowohl bei Menschen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung (MCI) als auch bei Alzheimer-Patienten zeigte sich keine Wirkung

Eine Cochrane-Review aus 2020, der Goldstandard für medizinische Evidenz, kam zu dem Schluss: Souvenaid funktioniert nicht. Trotz der theoretisch plausiblen Wirkmechanismen und der aufwendigen Zusammensetzung konnte das Getränk in der Praxis nicht überzeugen.

Das ist besonders enttäuschend, weil Souvenaid nicht billig ist und gezielt an verzweifelte Angehörige von Alzheimer-Patienten vermarktet wird. Die wissenschaftliche Evidenz rechtfertigt diese Hoffnungen nicht.

Zink und andere Mineralien: Ebenfalls wirkungslos

Hilft Zink bei kognitiver Beeinträchtigung?

Zink ist ein essentielles Spurenelement, das für viele Körperfunktionen wichtig ist, einschließlich der Gehirnfunktion. Es wurde vermutet, dass Zink-Supplemente die Kognition bei älteren Menschen verbessern könnten.

Die ZENITH-Studie (Zinc Effects on Nutrient and Inflammatory Trends in Healthy aging) testete dies systematisch. Das Ergebnis: Zink versagte bei der Verbesserung der globalen Kognition über Monate oder Jahre der Supplementierung. Weder Gedächtnis noch Aufmerksamkeit noch andere kognitive Funktionen verbesserten sich durch Zink-Einnahme.

Auch hier gilt: Bei nachgewiesenem Zinkmangel ist eine Supplementierung sinnvoll. Aber als präventive Maßnahme gegen Alzheimer bei gesunden Menschen ist Zink nicht wirksam.

Calcium-Supplemente: Die alarmierende Wahrheit

Während die meisten Vitamine und Mineralien „nur“ wirkungslos sind, gibt es bei Calcium-Supplementen beunruhigende Hinweise auf mögliche Schäden.

Können Calcium-Supplemente das Demenzrisiko erhöhen?

Mehrere Studien deuten darauf hin, dass Calcium-Supplemente problematisch sein könnten:

Gehirnläsionen: In einer Querschnittsstudie hatten ältere Menschen, die Calcium-Supplemente einnahmen, mehr „hyperintense“ Läsionen im Gehirn. Diese zeigen sich im MRT als helle Flecken und deuten auf Mini-Schlaganfälle hin – ein Risikofaktor für vaskuläre Demenz.

Verdoppeltes Demenzrisiko: In einer Langzeitstudie hatten Frauen, die Calcium-Supplemente einnahmen, ein zweifach höheres Risiko, eine Demenz zu entwickeln. Dieser Zusammenhang war besonders stark bei Frauen mit zerebrovaskulären Erkrankungen.

Die Women’s Health Initiative: Gemischte Signale

Die große Women’s Health Initiative sollte die Frage ein für alle Mal klären. Tausende ältere Frauen wurden nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, um etwa acht Jahre lang Calcium plus Vitamin D oder ein Placebo zu erhalten.

Ergebnis: Zunächst schien es keinen Unterschied im Demenzrisiko zu geben. Doch es gab ein methodisches Problem: Mehr als die Hälfte der Frauen nahmen bereits vor der Studie privat Calcium-Supplemente ein. Das verzerrt die Ergebnisse erheblich.

Als die Forscher die Daten neu analysierten und nur Frauen betrachteten, die vorher KEIN Calcium einnahmen, zeigte sich: Die Calcium-Supplementierung erhöhte das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall signifikant. Eine Meta-Analyse aller Calcium-Studien bestätigte: 15 Prozent mehr Herzinfarkte oder Schlaganfälle bei Calcium-Supplementierung im Vergleich zu Placebo.

Eine entsprechende Neuanalyse der Demenzdaten steht noch aus. Aber die Hinweise verdichten sich: Calcium-Supplemente könnten mehr schaden als nutzen.

Sollte man auf Calcium-Supplemente verzichten?

Für die meisten Menschen lautet die Antwort: Ja. Calcium sollte primär über die Nahrung aufgenommen werden – durch Milchprodukte, grünes Blattgemüse, Mandeln, Sesam und calciumreiches Mineralwasser. Supplemente sind nur bei nachgewiesenem Mangel oder in speziellen medizinischen Situationen sinnvoll, und selbst dann sollten sie nur unter ärztlicher Aufsicht eingenommen werden.

Warum versagen Nahrungsergänzungsmittel bei Alzheimer?

Die Frage ist berechtigt: Wenn Vitamine und Mineralien wichtig für die Gehirnfunktion sind – warum helfen Supplemente dann nicht gegen Alzheimer?

Mehrere Gründe sind möglich:

  1. Komplexität der Krankheit: Alzheimer hat multiple Ursachen – Amyloid-Plaques, Tau-Protein-Verwicklungen, Entzündungen, vaskuläre Schäden. Ein einzelner Nährstoff kann diese komplexen Prozesse nicht aufhalten.
  2. Timing: Alzheimer beginnt Jahrzehnte bevor Symptome auftreten. Vielleicht kommen Supplemente zu spät, wenn die Neurodegeneration bereits begonnen hat.
  3. Bioverfügbarkeit: Oral eingenommene Vitamine erreichen möglicherweise nicht in ausreichender Konzentration das Gehirn, oder sie werden zu schnell abgebaut.
  4. Isolierung: In Obst und Gemüse wirken Tausende bioaktive Substanzen synergistisch zusammen. Ein isoliertes Vitamin in Tablettenform kann diese Komplexität nicht nachbilden.
  5. Fehlende Mangelzustände: Die meisten Studienteilnehmer hatten keine Vitamin- oder Mineralmängel. Wer bereits ausreichend versorgt ist, profitiert nicht von mehr.

Was hilft wirklich gegen Alzheimer?

Wenn Supplemente nicht helfen – was dann? Die gute Nachricht: Es gibt durchaus wirksame Maßnahmen zur Alzheimer-Prävention, basierend auf solider wissenschaftlicher Evidenz.

Ernährung: Vollwertkost statt Pillen

Statt isolierte Vitamine zu schlucken, setzen Sie auf eine vollwertige, pflanzenbasierte Ernährung:

  • Viel buntes Gemüse und Obst (natürliche Antioxidantien)
  • Vollkornprodukte
  • Nüsse und Samen
  • Hülsenfrüchte
  • Omega-3-reiche Lebensmittel (Leinsamen, Walnüsse, fetter Fisch)

Die mediterrane Ernährung und die MIND-Diät haben in Studien gezeigt, dass sie das Alzheimer-Risiko senken können.

Bewegung: Der unterschätzte Schutzfaktor

Regelmäßige körperliche Aktivität ist einer der stärksten Schutzfaktoren gegen Alzheimer. Schon 30 Minuten zügiges Gehen pro Tag kann das Risiko signifikant senken.

Geistige Aktivität und soziale Kontakte

Ein aktives Gehirn altert langsamer. Lesen, Rätsel lösen, neue Dinge lernen, Musikinstrumente spielen – all das hilft. Ebenso wichtig sind soziale Kontakte und ein aktives soziales Leben.

Risikofaktoren kontrollieren

Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht und Rauchen erhöhen das Alzheimer-Risiko. Diese Faktoren zu kontrollieren ist wichtiger als jedes Nahrungsergänzungsmittel.

Schlaf und Stressmanagement

Ausreichender, qualitativ guter Schlaf ist essentiell für die Gehirngesundheit. Im Schlaf werden toxische Proteine aus dem Gehirn abtransportiert. Chronischer Stress schadet dem Gehirn – Entspannungstechniken wie Meditation können helfen.

Fazit: Finger weg von nutzlosen Supplementen

Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Vitamin- und Mineralstoffpräparate helfen wahrscheinlich nicht, Alzheimer zu verhindern oder zu behandeln. Das gilt für Vitamin E, Vitamin C, Beta-Carotin, Multivitamine wie Centrum Silver, spezialisierte Produkte wie Souvenaid, Zink und viele andere.

Besonders alarmierend: Calcium-Supplemente könnten das Demenzrisiko sogar erhöhen und sind mit einem höheren Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall verbunden.

Die Milliardenindustrie der Nahrungsergänzungsmittel lebt von falschen Hoffnungen. Die Werbung verspricht geistige Fitness und Schutz vor Demenz – die Realität ist ernüchternd. 14 große wissenschaftliche Studien mit Zehntausenden Teilnehmern zeigen: Die Versprechen halten nicht.

Sparen Sie Ihr Geld und investieren Sie stattdessen in eine gesunde Lebensweise: vollwertige Ernährung, regelmäßige Bewegung, geistige und soziale Aktivität, guter Schlaf und Stressmanagement. Das sind die wahren Schutzfaktoren gegen Alzheimer – und sie kosten keinen Cent extra, sondern nur ein bisschen Eigeninitiative.

Wissenschaftliche Quellen