Die Frage „erst zahnseide oder erst zähneputzen“ beschäftigt Zahnmediziner und Patienten seit Jahrzehnten. Während über 80% der Menschen Zahnseide nicht regelmäßig verwenden, herrscht selbst unter Zahnärzten Uneinigkeit über die optimale Reihenfolge der Mundhygiene. Eine randomisierte kontrollierte Studie von 2018 liefert endlich eine klare Antwort – mit überraschendem Ergebnis.
Inhaltsverzeichnis
Wichtigste Erkenntnisse
- Optimale Reihenfolge bestätigt: Randomisierte kontrollierte Studie 2018 zeigt: ERST Zahnseide, DANN Zähneputzen führt zu mehr Plaque-Reduktion und besserer Fluorid-Retention zwischen den Zähnen.
- Zahnseide-Evidenz schwach, aber vorhanden: Nur 3 von 11 Studien fanden signifikanten Nutzen zusätzlich zum Zähneputzen. Problem: Schlechte Studienqualität, nicht mangelnde Wirksamkeit.
- Kontroverse in der Zahnmedizin: Kritiker vergleichen Zahnseide-Befürworter mit „Flacherdlern“ – die Debatte zeigt methodologische Probleme der Zahnmedizin-Forschung auf.
- Zahnzwischenräume sind kritisch: 40% der Zahnflächen sind schwer zugängliche Zahnzwischenräume, wo sich Plaque und Bakterien ungehindert ablagern.
- Alle Zahnseide-Typen gleich effektiv: Gewachst vs. ungewachst, reißfest vs. standard – kein signifikanter Unterschied in der Plaque-Entfernung.
- Fluorid ist entscheidend: Die Reihenfolge „Erst Zahnseide“ ermöglicht, dass Fluorid aus der Zahnpasta besser in die nun freien Zahnzwischenräume eindringt.
Zahnseide: Zwischen Evidenz und Kontroverse
Was bringt Zahnseide wirklich?
Über Jahre wurde universell akzeptiert, dass Zahnseide bis zu 80% der Plaque zwischen den Zähnen entfernen kann. Diese Zahl stammt aus Studien, in denen Teilnehmer randomisiert wurden, Zahnseide nur auf der Hälfte ihrer Zähne anzuwenden – das eigene Gebiss als Kontrolle.
Eine solche Studie forderte Probanden auf, ihre unteren Zähne drei Wochen lang nicht zu putzen, damit sich Plaque akkumulieren konnte. Dann wurde nur zwischen der Hälfte der Zähne Zahnseide verwendet. Die Ergebnisse nach drei Wochen:
- ~60% Plaque-Reduktion gegenüber den Kontrollzähnen
- Signifikante Reduktion der Gingivitis (Zahnfleischentzündung)
- Weniger Blutung beim Sondieren
- Verbesserung anderer Entzündungsmarker
Aber: Diese Studien zeigten nur, dass Zahnseide besser ist als NICHTS zu tun. Die entscheidende Frage blieb unbeantwortet: Ist Zahnseide + Zähneputzen besser als NUR Zähneputzen?
Die Kontroverse: „Zahnseide wie an die Zahnfee glauben“
Die wissenschaftliche Debatte eskalierte 2008 mit einem kontroversen Artikel. Kritiker argumentierten:
„Die Zahnseide-Empfehlung basiert hauptsächlich auf gesundem Menschenverstand, aber gesunder Menschenverstand ist nicht Wissenschaft.“
Die Kritik war vernichtend: Von 11 systematisch analysierten Studien fanden nur 3 einen signifikanten Benefit von Zahnseide zusätzlich zum Zähneputzen. Zahnseide-Gegner gingen so weit, Zahnärzte, die Zahnseide empfehlen, mit „Flacherdlern“ zu vergleichen:
„Die Zahnmedizin ist eine Profession in Verweigerung der Wahrheit. Über 80% der Menschen benutzen Zahnseide nicht regelmäßig – vielleicht haben die Massen Recht, und die Ärzte haben Unrecht. Zahnseide funktioniert nicht – akzeptiert es! Vielleicht ist Zahnseide wie an die Zahnfee glauben.“
Warum schwache Evidenz? Das Studienqualitäts-Problem
Seit 2008 wurden weitere Studien durchgeführt. Die Cochrane-Übersichtsarbeit von 2011 und neuere systematische Reviews zeigen: Es gibt zumindest ETWAS Evidenz für Gingivitis-Verbesserung, während die Evidenz für zusätzliche Plaque-Entfernung schwach bleibt.
Das Problem liegt jedoch nicht (nur) an der Zahnseide, sondern an der Studienqualität:
- Geringe Stichprobengrößen: Viele Studien hatten weniger als 30 Teilnehmer
- Kurze Beobachtungszeiträume: Oft nur 2-4 Wochen
- Keine standardisierte Anwendung: Nicht kontrolliert, WIE Zahnseide verwendet wurde
- Heterogene Endpunkte: Verschiedene Plaque-Indices, unterschiedliche Messmethoden
- Fehlende Verblindung: Teilnehmer wussten, ob sie Zahnseide verwendeten oder nicht
Wie eine spätere Verteidigung der Zahnseide 2017 argumentierte: „Die Methodologie der Studien, die die Wirksamkeit von Zahnseide analysieren, ist schwach – nicht die Zahnseide selbst.“
Warum finanziert die Zahnseide-Industrie keine besseren Studien?
Die Antwort ist ernüchternd: Weil alle Zahnseide-Typen gleich effektiv sind. Vergleichsstudien zwischen gewachster und ungewachster Zahnseide, zwischen dünner und dicker, zwischen Standard und „reißfest“ – alle zeigen KEINEN signifikanten Unterschied in der Plaque-Entfernung.
Warum sollte ein Unternehmen Millionen in eine Studie investieren, die nur zeigt, dass Zahnseide generell gut ist, aber ihr Produkt nicht besser als das der Konkurrenz? Die fehlende kommerzielle Motivation erklärt die dünne Studienlage.
Die richtige Reihenfolge: Studienergebnisse 2018
Erst Zahnseide oder erst Zähneputzen? Die Debatte
Selbst wenn man akzeptiert, dass Zahnseide sinnvoll ist, blieb die Frage der optimalen Reihenfolge ungeklärt. Zwei Lager mit scheinbar logischen Argumenten:
Lager 1: ERST Zahnseide, DANN Zähneputzen
- Zahnseide lockert Partikel und Plaque zwischen den Zähnen
- Die Zahnbürste bürstet diese gelockerten Partikel dann weg
- Fluorid aus der Zahnpasta kann besser in die nun freien Zahnzwischenräume eindringen
- Nichts bleibt zwischen den Zähnen zurück
Lager 2: ERST Zähneputzen, DANN Zahnseide
- Die Zahnbürste entfernt den Großteil der Partikel
- Zahnseide hilft dann, das restliche Fluorid von der Zahnpasta zwischen die Zähne zu bringen
- Die finale Reinigung mit Zahnseide ist die letzte Barriere
Beide Argumente klingen plausibel. Wie so oft in der Wissenschaft: Man weiß es nicht… bis man es testet.
Die Mazhari-Studie 2018: Randomisiert, kontrolliert, eindeutig
Mazhari et al. (2018) führten die erste randomisierte kontrollierte Studie durch, die speziell diese Frage untersuchte: „The effect of toothbrushing and flossing sequence on interdental plaque reduction and fluoride retention.“
Das Studiendesign:
- Randomisierte Zuteilung zu zwei Gruppen
- Gruppe 1: Zahnseide ZUERST, dann Zähneputzen
- Gruppe 2: Zähneputzen ZUERST, dann Zahnseide
- Messungen: Plaque zwischen den Zähnen, Fluorid-Konzentration in Zahnzwischenräumen
Das Ergebnis war eindeutig: Zahnseide ZUERST gewann in beiden Kategorien.
Die Gruppe, die zuerst Zahnseide verwendete und dann putzte, zeigte:
- Signifikant mehr Plaque-Reduktion zwischen den Zähnen
- Signifikant höhere Fluorid-Konzentrationen in den Zahnzwischenräumen
- Bessere Gesamtreinigung des Gebisses
Warum funktioniert „Erst Zahnseide“ besser?
Die Erklärung liegt in der Mechanik:
Wenn Zahnseide NACH dem Zähneputzen verwendet wird:
- Das Zähneputzen entfernt Plaque von den Zahnoberflächen
- Zahnseide lockert dann zusätzliche Partikel zwischen den Zähnen
- Problem: Diese gelockerten Partikel haben nirgendwo hinzugehen – sie bleiben zwischen den Zähnen stecken
- Das Fluorid aus der Zahnpasta wurde bereits durch Spülen teilweise entfernt
Wenn Zahnseide ZUERST verwendet wird:
- Zahnseide lockert Plaque und Partikel zwischen den Zähnen
- Das nachfolgende Zähneputzen bürstet diese gelockerten Partikel weg – sie werden mit dem Schaum ausgespült
- Das Fluorid aus der frischen Zahnpasta kann nun ungehindert in die gereinigten Zahnzwischenräume eindringen
- Höhere Fluorid-Retention dort, wo sie am nötigsten ist
Die deutsche Informationsstelle für Kariesprophylaxe bestätigt diese Reihenfolge und betont: „Der aus den Zwischenräumen entfernte ‚Unrat‘ wird durch die Zahnbürste mit weggebürstet und verbleibt nicht auf den Zähnen. Gleichzeitig kann das in der Zahnpasta enthaltene Fluorid besser in die nun freien Zahnzwischenräume eindringen und dort wirken.“
Die optimale Mundhygiene-Routine
Basierend auf der wissenschaftlichen Evidenz empfiehlt sich folgende Reihenfolge:
- Schritt 1: Zahnseide oder Interdentalbürsten – Reinigung der Zahnzwischenräume (40% der Zahnoberflächen!)
- Schritt 2: Zähneputzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta – Mindestens 2 Minuten, alle Zahnflächen
- Schritt 3 (optional): Mundspülung mit Fluorid – Erhöht die Kontaktzeit und Fluorid-Verfügbarkeit zusätzlich
Frequenz: Mindestens zweimal täglich putzen (morgens und abends), Zahnzwischenräume mindestens einmal täglich gründlich reinigen (idealerweise abends).
Zahnseide richtig anwenden
Wie Zahnseide benutzen – Schritt für Schritt
Die Effektivität von Zahnseide hängt massiv von der korrekten Technik ab. Viele Studien kontrollierten nicht, WIE Teilnehmer Zahnseide verwendeten – was die schwache Evidenz teilweise erklärt.
Die richtige Technik:
- Ausreichend Zahnseide verwenden: Etwa 45-50 cm abschneiden
- Wickeln: Um die Mittelfinger beider Hände wickeln, etwa 2-3 cm gespannte Zahnseide zwischen den Händen lassen
- Führen: Mit Daumen und Zeigefinger die Zahnseide straff halten
- Einführen: Vorsichtig zwischen die Zähne gleiten lassen – NICHT gewaltsam durchdrücken (Verletzungsgefahr)
- C-Form bilden: Die Zahnseide um einen Zahn legen, sodass sie eine C-Form bildet
- Auf-und-ab bewegen: Sanft unter den Zahnfleischrand gleiten (1-2 mm), dann auf und ab bewegen
- Beide Seiten reinigen: WICHTIG – jeder Zahnzwischenraum hat ZWEI Zahnflächen. C-Form um den anderen Zahn bilden und wiederholen
- Frische Zahnseide für jeden Zwischenraum: Zu einem neuen Abschnitt der Zahnseide weitergehen
Häufige Fehler:
- Zu wenig Zahnseide verwenden – dieselbe Stelle für alle Zwischenräume nutzen
- Nur gerade auf und ab, ohne C-Form – reinigt nur die Kontaktstelle, nicht die Zahnflächen
- Zu aggressiv – verletzt das Zahnfleisch
- Zu oberflächlich – geht nicht unter den Zahnfleischrand
- Eine Seite des Zahnzwischenraums vergessen – nur 50% der Reinigung
Zahnseide wie tief einführen?
Die Zahnseide sollte sanft 1-2 mm unter den Zahnfleischrand gleiten – in die gingivale Sulkus (die kleine Tasche zwischen Zahn und Zahnfleisch). Dies ist der kritische Bereich, wo sich Plaque-Bakterien ansammeln und Gingivitis beginnt.
Vorsicht: Bei gesundem Zahnfleisch ist diese Tasche nur 1-3 mm tief. Bei Parodontitis können die Taschen tiefer sein (4-12 mm). Zu aggressives Einführen kann das Zahnfleisch verletzen und Rezessionen (Zahnfleischrückgang) verursachen.
Wenn Zahnseide regelmäßig schmerzhaft ist oder stark blutet, sollte ein Zahnarzt konsultiert werden – dies kann auf Gingivitis oder Parodontitis hinweisen.
Zahnseide wie oft verwenden?
Die American Dental Association (ADA) und deutsche Fachgesellschaften empfehlen: Mindestens einmal täglich, idealerweise abends vor dem Schlafengehen.
Warum abends?
- Über Nacht produziert der Mund weniger Speichel (der antibakterielle Eigenschaften hat)
- Bakterien haben 7-8 Stunden Zeit, sich ungestört zu vermehren
- Essenreste vom ganzen Tag haben sich akkumuliert
- Fluorid aus der abendlichen Zahnpasta kann die ganze Nacht wirken
Manche Zahnärzte empfehlen sogar zweimal täglich Zahnseide – morgens und abends. Dies ist besonders sinnvoll bei:
- Vorgeschichte von Parodontitis
- Engen Zahnzwischenräumen, wo Speisereste leicht stecken bleiben
- Zahnspangen oder festsitzendem Zahnersatz
- Erhöhtem Kariesrisiko
Zahnseide ab welchem Alter?
Sobald zwei Zähne nebeneinander stehen und sich berühren, sollten die Zahnzwischenräume gereinigt werden. Bei den meisten Kindern ist dies ab etwa 2-3 Jahren der Fall (wenn die Milchbackenzähne durchbrechen).
Altersempfehlungen:
- 2-6 Jahre: Eltern führen die Zahnseide-Anwendung durch
- 6-10 Jahre: Unter elterlicher Aufsicht – Kind lernt die Technik
- Ab 10-12 Jahren: Selbstständige Anwendung, gelegentliche Kontrolle durch Eltern
Alternative für jüngere Kinder: Zahnseide-Sticks oder Flossetten (Zahnseide auf einem Halter) sind einfacher zu handhaben und können die Compliance verbessern.
Zahnseide-Typen: Gewachst vs. Ungewachst
Welche Zahnseide ist die beste?
Die ehrliche Antwort: Die Zahnseide, die Sie tatsächlich regelmäßig verwenden. Studien zeigen keinen signifikanten Unterschied in der Plaque-Entfernung zwischen verschiedenen Zahnseide-Typen.
Gewachste oder ungewachste Zahnseide?
Eine Vergleichsstudie (Terézhalmy et al., 2008) untersuchte vier verschiedene Zahnseide-Typen:
- Ungewachste Standardzahnseide
- Gewachste Zahnseide
- „Reißfeste“ gewachste Zahnseide
- Expandierende Zahnseide (quillt bei Kontakt mit Speichel auf)
Ergebnis: ALLE vier Typen zeigten die gleiche Effektivität bei der Plaque-Entfernung. Die Wahl sollte daher auf persönlichen Präferenzen basieren:
Gewachste Zahnseide – Vorteile:
- Gleitet leichter zwischen enge Zahnzwischenräume
- Reißt weniger leicht (angenehmer bei engen Kontakten)
- Besseres Gleitgefühl, weniger Widerstand
- Empfohlen für Anfänger und enge Zahnstellungen
Ungewachste Zahnseide – Vorteile:
- Quillt zwischen den Zähnen leicht auf, besserer Oberflächenkontakt
- Gibt taktiles Feedback (man „hört“ die Plaque-Entfernung durch Quietschen)
- Oft umweltfreundlicher (keine Wachsbeschichtung)
- Empfohlen für normale bis weite Zahnzwischenräume
Zahnseide PFAS – ein Problem?
Eine Studie von 2019 fand erhöhte PFAS-Konzentrationen (Per- und Polyfluoralkylsubstanzen, „Ewigkeitschemikalien“) bei Menschen, die bestimmte Teflon-beschichtete Zahnseide-Marken verwendeten. PFAS werden mit gesundheitlichen Bedenken in Verbindung gebracht (hormonelle Störungen, Krebs-Risiko).
Was tun?
- Ungewachste Zahnseide oder mit natürlichem Wachs (Bienenwachs, Candelillawachs) verwenden
- Marken meiden, die „Glide“ oder „Easy Slide“ mit PTFE (Polytetrafluorethylen) werben
- Auf PFAS-freie Zertifizierungen achten
- Zahnseide aus Seide oder Bambus mit natürlicher Beschichtung wählen
Das Risiko ist im Kontext zu sehen: Die Vorteile von Zahnseide für die Mundgesundheit überwiegen wahrscheinlich das potenzielle PFAS-Risiko. Dennoch ist es sinnvoll, PFAS-freie Alternativen zu wählen, wenn verfügbar.
Häufige Probleme und Lösungen
Zahnfleischbluten Zahnseide – normal oder bedenklich?
Leichtes Zahnfleischbluten beim ersten Verwenden von Zahnseide oder nach längerer Pause ist relativ normal. Es signalisiert meist eine bestehende Gingivitis (Zahnfleischentzündung).
Blutung in den ersten 1-2 Wochen:
- Meist Zeichen von Entzündung, die durch Zahnseide-Gebrauch abheilen wird
- Weiter sanft Zahnseide verwenden (nicht aufgeben!)
- In der Regel stoppt die Blutung innerhalb von 7-14 Tagen regelmäßiger Anwendung
- Dies ist ein GUTES Zeichen – es zeigt, dass die Entzündung erkannt und behandelt wird
Anhaltende oder starke Blutung nach 2-3 Wochen:
- Kann auf fortgeschrittene Gingivitis oder Parodontitis hinweisen
- Zahnarzt-Besuch empfohlen
- Professionelle Zahnreinigung kann notwendig sein
- Möglicherweise ist die Technik zu aggressiv – sanfter vorgehen
Der Eastman Interdental Bleeding Index wird in Studien verwendet, um Gingivitis zu messen. Blutung beim Zahnseide-Gebrauch ist ein sensitiver Marker für Zahnfleischentzündung – sensitiver als visuelle Inspektion allein.
Zurückgegangenes Zahnfleisch durch Zahnseide?
Zahnfleischrückgang (gingivale Rezession) durch Zahnseide ist möglich, aber selten – fast immer durch falsche Technik verursacht:
Risikofaktoren:
- Zu aggressive, sägende Bewegung
- Gewaltsames Durchdrücken zwischen enge Kontakte
- Zu tiefes Einführen unter den Zahnfleischrand
- Verwendung von ungeeigneter „Zahnseide“ (z.B. Nähgarn, Angelschnur – ja, das kommt vor!)
Prävention:
- Sanfte, kontrollierte Bewegungen
- Zahnseide vorsichtig zwischen die Zähne „gleiten“ lassen, nicht durchschnappen
- Bei sehr engen Kontakten gewachste oder gleitfähigere Zahnseide verwenden
- C-Form um jeden Zahn – nicht horizontal sägen
- Bei Unsicherheit: Zahnarzt oder Dentalhygieniker um Demonstration bitten
Wichtig: Die häufigste Ursache für Zahnfleischrückgang ist NICHT Zahnseide, sondern Parodontitis (durch mangelnde Mundhygiene) oder zu aggressives Zähneputzen mit der Zahnbürste.
Warum stinkt Zahnseide nach Benutzung?
Der unangenehme Geruch von benutzter Zahnseide stammt von:
- Bakterien und deren Stoffwechselprodukte: Insbesondere anaerobe Bakterien produzieren schwefelhaltige Verbindungen (VSC – Volatile Sulfur Compounds)
- Zersetzende Essensreste: Proteinreiche Nahrung zwischen den Zähnen wird von Bakterien abgebaut
- Plaque: Der Biofilm selbst hat einen charakteristischen Geruch
Paradoxerweise ist der schlechte Geruch ein Zeichen, dass Zahnseide NOTWENDIG war – es zeigt, wie viele Bakterien und Rückstände zwischen den Zähnen saßen. Regelmäßige Zahnseide-Anwendung reduziert die Bakterienlast, und der Geruch wird weniger intensiv.
Wenn der Geruch sehr stark oder faulig ist:
- Kann auf tiefe Karies zwischen den Zähnen hinweisen
- Parodontitis mit tiefen Taschen
- Impaktierte Essensreste
- Zahnarzt-Untersuchung empfohlen
Aus was besteht Zahnseide?
Traditionelle Zahnseide besteht aus:
- Nylon (Polyamid): Die meisten kommerziellen Zahnseiden sind aus Nylon-Filamenten
- PTFE (Polytetrafluorethylen): „Glide“-Zahnseiden – sehr gleitfähig, aber PFAS-Bedenken
- Seide: Traditionelles Material, inzwischen selten
- Beschichtungen: Wachs (Bienen-, Candelilla-, Carnaubawachs), Fluorid, Geschmacksstoffe (Minze etc.)
Umweltfreundliche Alternativen:
- Bambus-Zahnseide (mit natürlichem Wachs beschichtet)
- Echte Seidenfäden (biologisch abbaubar, aber teurer)
- Mais-basierte PLA-Zahnseide (biologisch abbaubar)
Fluorid und Kariesprophylaxe
Warum Fluorid so wichtig ist
Die Mazhari-Studie 2018 zeigte nicht nur mehr Plaque-Reduktion bei der „Erst Zahnseide“-Reihenfolge, sondern auch signifikant höhere Fluorid-Retention in den Zahnzwischenräumen. Warum ist das entscheidend?
Fluorid schützt Zähne auf drei Arten:
- Remineralisierung: Repariert frühe Karies-Läsionen, indem es Calcium und Phosphat in den Zahnschmelz einlagert
- Härtung des Schmelzes: Bildet Fluorapatit, das säureresistenter ist als Hydroxylapatit
- Antibakterielle Wirkung: Hemmt bakterielle Enzyme und Plaque-Bildung
Zahnzwischenräume sind besonders kariesanfällig, da:
- Schwer zugänglich für Zahnbürste
- Speisereste bleiben leicht stecken
- Bakterien finden ideale anaerobe Bedingungen
- Oft geringere Fluorid-Exposition als andere Zahnflächen
Die Reihenfolge „Erst Zahnseide, dann Zähneputzen“ maximiert die Fluorid-Verfügbarkeit genau dort, wo sie am nötigsten ist.
Optimale Fluorid-Konzentration
Die Informationsstelle für Kariesprophylaxe empfiehlt für Erwachsene:
- Zahnpasta: 1.450 ppm Fluorid (Standard für Erwachsene)
- Mindestens 2x täglich putzen: Morgens und abends
- Nicht sofort ausspülen: Nach dem Putzen nur ausspucken, nicht mit Wasser nachspülen (lässt Fluorid länger wirken)
- Optional: Fluorid-Mundspülung: Als dritter Schritt nach Zahnseide + Putzen
- Fluoridiertes Speisesalz: Wirkt noch ~30 Minuten nach dem Essen
Für Kinder gelten altersabhängige Empfehlungen (niedrigere ppm-Werte für Kleinkinder wegen Verschluckgefahr).
Die 3-Schritte-Kariesprophylaxe
Zusammenfassend die evidenzbasierte Mundhygiene-Routine:
Schritt 1: Zahnzwischenraumreinigung
- Zahnseide oder Interdentalbürsten (bei weiteren Zwischenräumen)
- Alle Zahnzwischenräume, beide Seiten jedes Zwischenraums
- C-Form um jeden Zahn, sanft unter Zahnfleischrand
- Mindestens 1x täglich (abends), ideal 2x täglich
Schritt 2: Zähneputzen mit Fluorid-Zahnpasta
- 1.450 ppm Fluorid für Erwachsene
- Mindestens 2 Minuten
- Alle Zahnflächen (außen, innen, Kauflächen)
- Nach dem Putzen nur ausspucken, nicht nachspülen
Schritt 3 (optional): Fluorid-Mundspülung
- Erhöht Kontaktzeit und Fluorid-Verfügbarkeit
- Besonders sinnvoll bei erhöhtem Kariesrisiko
- Nicht direkt nach dem Putzen – wartet 30 Minuten oder nutzt zu einem anderen Zeitpunkt
Diese Reihenfolge führt zu „gründlicherem Entfernen schädlicher Bakterien und höheren Konzentrationen von Fluorid an den Zähnen“ – insbesondere in den kritischen Zahnzwischenräumen, wo 40% der Zahnflächen liegen.
Wissenschaftliche Quellen
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