SONNTAG, 30. NOVEMBER 2025
Ernährungsberatung Arzt: Ärztin berät Patient in Praxis - Kompetente Gesundheitsberatung

Ernährungsberatung Arzt: Wie kompetent sind Ärzte wirklich?

Sie vertrauen Ihrem Arzt bei Gesundheitsfragen – auch bei Ernährung. Schließlich sind Ärzte Experten für alles Medizinische, oder? Die Realität ist ernüchternd: Eine schlechte Ernährung ist weltweit die #1 Todesursache und hat Rauchen als führenden Risikofaktor überholt. Doch ausgerechnet in diesem lebenswichtigen Bereich erhalten Ärzte kaum Ausbildung. Studien zeigen: Die Mehrheit der Mediziner beantwortet 70 Prozent grundlegender Ernährungsfragen falsch – bei Multiple-Choice-Fragen, wo 20 Prozent schon durch Raten richtig wären.

In Deutschland ist die Situation besonders dramatisch: Nur 138 Ärzte haben die Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin (Stand 2024), und Ernährung wird nicht als eigenständiges Fach an Universitäten gelehrt. Dieser Artikel beleuchtet das erschreckende Wissensdefizit, erklärt warum 78 Prozent der Patienten trotzdem ihrem Arzt folgen, und zeigt auf, woran Sie einen wirklich kompetenten Ernährungsmediziner erkennen.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Ernährung überholt Rauchen: Schlechte Ernährung ist weltweit die #1 Todesursache – sowohl global als auch in den USA und Deutschland. Sie hat Rauchen als führenden Risikofaktor für vorzeitigen Tod überholt.
  • Weltweites Ausbildungsdefizit: Medizinstudenten rund um die Welt erhalten mangelhafte Ausbildung in klinischer Ernährung – nicht weil sie kein Interesse haben, sondern weil Medizinschulen es schlichtweg nicht lehren.
  • 70% Fehlerquote erschreckend: Studien zeigen: Die Mehrheit der Ärzte beantwortet 70 Prozent grundlegender Ernährungsfragen falsch. Bei Multiple-Choice-Fragen wären 20 Prozent schon durch reines Raten richtig.
  • Basiswissen fehlt komplett: Weniger als die Hälfte der Ärzte wissen, wie viele Kalorien Fett, Kohlenhydrate und Protein haben. Nur 1 von 10 kennt die empfohlene Proteinzufuhr. Nur 1 von 3 kennt einen gesunden BMI-Wert.
  • Dunning-Kruger-Effekt massiv: 30 Prozent der Ärzte mit schlechtem Ernährungswissen haben eine hohe Selbsteinschätzung ihrer Kompetenz. Sie wissen nicht, dass sie nichts wissen – eine besonders gefährliche Kombination.
  • Patientenvertrauen wird missbraucht: 78 Prozent der Patienten ändern ihre Ernährungsgewohnheiten basierend auf Gesprächen mit ihrem Arzt. Wenn Ärzte schlecht informiert sind, folgen Millionen Patienten falschen Ratschlägen.
  • AHA-Empfehlungen unbekannt: Nur 25 Prozent der Ärzte kennen die American Heart Association Empfehlungen für Obst- und Gemüseportionen pro Tag. Noch weniger kennen empfohlene Zucker-Grenzen.
  • 93% der Selbstsicheren versagen: Von den Ärzten mit hoher Selbsteinschätzung ihres Ernährungswissens konnten 93 Prozent zwei grundlegende Multiple-Choice-Fragen nicht beantworten.
  • Deutschland besonders schlecht: Nur 138 Ärzte in Deutschland haben die Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin (2024). Ernährungsmedizin wird nicht als Fach an Universitäten gelehrt. Deutschland liegt unter dem EU-Durchschnitt.
  • Systematische Heuchelei: Auf medizinischen Konferenzen werden Pizza, Softdrinks, Donuts und Wurst serviert – während gleichzeitig über die Adipositas-Epidemie diskutiert wird.

Ernährung: Die vergessene #1 Todesursache

Die Zahlen sind eindeutig und erschreckend: Schlechte Ernährung ist weltweit die Todesursache Nummer eins. Eine 2019 im Lancet veröffentlichte globale Studie analysierte Gesundheitsdaten aus 195 Ländern über 27 Jahre hinweg. Das Ergebnis: Ernährungsbedingte Risikofaktoren verursachen mehr Todesfälle als jeder andere Risikofaktor – einschließlich Rauchen.

In den USA ist die amerikanische Ernährungsweise der Killer Nummer eins. In Deutschland sieht es nicht besser aus: Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes Typ 2, bestimmte Krebsarten und andere chronische Krankheiten sind zu etwa 80 Prozent ernährungsbedingt. Das bedeutet: Vier von fünf vorzeitigen Todesfällen könnten durch bessere Ernährung verhindert werden.

Wenn Ernährung also der Hauptfaktor für vorzeitigen Tod ist, müsste sie logischerweise das Hauptfach im Medizinstudium sein, richtig? Falsch. Die Realität ist geradezu absurd: Ausgerechnet im wichtigsten gesundheitlichen Bereich – jenem mit dem größten Einfluss auf Leben und Tod – erhalten Ärzte weltweit die schlechteste Ausbildung.

Der amerikanische Ernährungsmediziner Dr. David Katz bringt es auf den Punkt: Es ist ein „absurder Anachronismus“, dass Ärzte im Bereich mit dem größten Einfluss auf die Sterblichkeitsrate der Bevölkerung mangelhaft ausgebildet sind. Die Mission der Medizin – Leben zu schützen, zu verteidigen und zu verbessern – kann nicht erfüllt werden, wenn Ernährung vernachlässigt wird.

Das Problem beginnt im Medizinstudium

Medizinstudenten sind interessiert an Ernährung. Umfragen zeigen immer wieder, dass angehende Ärzte mehr über klinische Ernährung lernen wollen. Das Problem sind nicht die Studenten – das Problem sind die medizinischen Fakultäten, die Ernährung schlichtweg nicht lehren.

In Deutschland wird Ernährungsmedizin nicht als eigenständiges Fach an Universitäten gelehrt. Das Medizinstudium widmet dem Thema oft nur wenige Stunden – meist eingebettet in andere Fächer wie Biochemie oder Innere Medizin. Eine systematische, praxisorientierte Ausbildung in klinischer Ernährung findet nicht statt.

Im Vergleich zu anderen EU-Ländern, wo Ernährungsmedizin teilweise als eigenständiges Fach etabliert ist, liegt Deutschland deutlich zurück. Der Wissenstand deutscher Medizinstudenten in Ernährungsfragen ist nachweislich niedriger als in Ländern mit strukturierter Ernährungsausbildung.

Eine 2019 in JAMA veröffentlichte Analyse mit dem Titel „Medical Students Around the World Poorly Trained in Nutrition“ fasst die globale Situation zusammen: Weltweit erhalten Medizinstudenten unzureichende Ausbildung in klinischer Ernährung. Ohne solide Grundlagen in Ernährungswissen und -kompetenz sind Ärzte nicht ausgerüstet, um überhaupt ein informiertes Gespräch über Ernährung mit ihren Patienten zu führen.

Das Resultat: Ärzte verlassen die Universität mit immensem Wissen über Pharmakologie, Pathologie und Diagnostik – aber ohne elementares Verständnis für das, was ihre Patienten täglich dreimal (oder öfter) tun: essen.

70% Fehlerquote: Ärzte versagen bei Basiswissen

Wie schlimm ist das Wissensdefizit wirklich? Eine 2019 in der Fachzeitschrift Nutrition veröffentlichte Studie testete das klinische Ernährungswissen von Ärzten. Die Ergebnisse sind erschütternd: Die Mehrheit der getesteten Mediziner beantwortete 70 Prozent der Fragen falsch.

Und es waren Multiple-Choice-Fragen. Statistisch gesehen hätte man durch reines Raten etwa 20 Prozent richtig beantworten müssen. Die Ärzte schnitten also deutlich schlechter ab, als der Zufall erwarten ließe. Das deutet nicht nur auf fehlendes Wissen hin, sondern auf systematische Fehlannahmen.

Noch alarmierender: Die falschen Antworten betrafen nicht etwa komplexe ernährungswissenschaftliche Feinheiten, sondern absolutes Basiswissen:

Kaloriengehalt von Makronährstoffen: Weniger als die Hälfte der Ärzte konnte korrekt angeben, wie viele Kalorien Fett, Kohlenhydrate und Protein pro Gramm liefern. Das ist Ernährungsgrundwissen aus der Mittelstufe.

Proteinempfehlungen: Nur 1 von 10 Ärzten kannte die offiziellen Empfehlungen für die tägliche Proteinzufuhr. 90 Prozent lagen falsch – bei einer der am häufigsten gestellten Ernährungsfragen in Arztpraxen.

Gesunder BMI: Nur etwa jeder dritte Arzt konnte den Bereich für einen gesunden Body-Mass-Index korrekt benennen. Dabei ist der BMI ein Standard-Instrument in jeder Praxis.

Obst und Gemüse: Nur 25 Prozent der befragten Ärzte kannten die Empfehlungen der American Heart Association für tägliche Obst- und Gemüseportionen. Drei Viertel wussten es nicht.

Zuckergrenzen: Noch weniger Ärzte waren mit den empfohlenen Grenzen für zugesetzten Zucker vertraut – trotz der massiven gesundheitlichen Bedeutung von Zuckerkonsum für Diabetes, Adipositas und Herzkrankheiten.

Dies ist absolutes Basiswissen. Wir reden nicht von komplexen metabolischen Pathways oder neuesten Forschungsergebnissen. Wir reden von Grundlagen, die jeder Ernährungsberater im ersten Ausbildungsmonat lernt.

Der Dunning-Kruger-Effekt: Sie wissen nicht, dass sie nichts wissen

Was noch schlimmer ist als Unwissenheit? Unwissenheit kombiniert mit Selbstüberschätzung. Und genau das zeigt sich bei vielen Ärzten in Bezug auf Ernährung: der Dunning-Kruger-Effekt in Reinform.

Die erwähnte Studie untersuchte nicht nur das tatsächliche Ernährungswissen, sondern auch die Selbsteinschätzung der Ärzte. Das Ergebnis: 30 Prozent derjenigen, die bei den Ernährungsfragen versagten, hatten eine hohe Selbstwahrnehmung ihrer Ernährungs-Expertise.

Anders ausgedrückt: Fast ein Drittel der Ärzte mit mangelhaftem Ernährungswissen glaubt, viel über Ernährung zu wissen. Sie sind nicht nur ahnungslos – sie sind auch ahnungslos über ihre Ahnungslosigkeit. Diese Kombination ist besonders gefährlich, denn Ärzte sind vertrauenswürdige und einflussreiche Quellen für Gesundheitsratschläge.

Noch drastischer wird es bei den selbstsicheren Ärzten: Von denjenigen, die sich selbst als sehr kompetent in Ernährungsfragen einschätzten, konnten 93 Prozent zwei grundlegende Multiple-Choice-Fragen nicht korrekt beantworten. Neunzig drei Prozent! Die überwältigende Mehrheit der selbsternannten Ernährungsexperten unter den Ärzten versagt bei Basisfragen.

Vergleichen Sie das mit anderen medizinischen Fachbereichen: Ein Allgemeinarzt ohne Expertise in Hirnchirurgie würde niemals detaillierte Meinungen zu neurochirurgischen Eingriffen im Fernsehen verbreiten. Die Medien würden ihn nicht als Experten präsentieren, und er selbst würde sich zurückhalten.

Nicht so bei Ernährung. Hier geben Ärzte routinemäßig Expertenmeinungen ab – ohne jede Grundlage für echte Expertise. Manchmal basieren diese Meinungen auf persönlicher Vorliebe oder Bias. Manchmal sind direkte finanzielle Interessen im Spiel, etwa wenn Ärzte eigene Diätbücher verkaufen.

78% folgen ihrem Arzt – mit fatalen Folgen

Warum ist das alles so dramatisch? Weil Patienten ihrem Arzt vertrauen – und entsprechend handeln. Studien zeigen: 78 Prozent der Menschen, die Ernährungsinformationen von ihrem Arzt erhalten, ändern daraufhin ihre Essgewohnheiten.

Das ist eine enorme Verantwortung. Wenn ein Arzt korrekte, evidenzbasierte Ernährungsratschläge gibt, können Leben gerettet werden. Wenn der Arzt aber auf dem Wissenstand eines Kassenmagazins operiert, werden Millionen Menschen in die Irre geführt.

Stellen Sie sich vor: Ein Patient mit erhöhtem Cholesterin oder Prädiabetes verlässt sich auf den Ernährungsrat seines Hausarztes. Der Arzt – wohlmeinend, aber schlecht ausgebildet – gibt Ratschläge, die auf veralteten Annahmen oder persönlichen Meinungen basieren. Der Patient vertraut, ändert seine Ernährung entsprechend und wundert sich, warum sich seine Werte nicht verbessern. Im schlimmsten Fall verschlechtern sie sich sogar.

Das ist kein hypothetisches Szenario. Das passiert täglich, tausendfach. Die Konsequenzen sind nicht trivial: Ernährungsbedingte Krankheiten – Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes, bestimmte Krebsarten – sind die Haupttodesursachen. Falsche oder unzureichende Ernährungsberatung kostet buchstäblich Leben.

Es stehen Leben auf dem Spiel. Es geht nicht um Promi-Klatsch oder persönliche Vorlieben. Es geht um Leben und Tod. Ganze Industrien sind darauf ausgerichtet, Marketingbotschaften zu verbreiten, die direkt gegen wissenschaftlich fundierte Ernährungsempfehlungen arbeiten. Wenn Ärzte – die vertrauenswürdigste Informationsquelle für viele Menschen – in diesem Umfeld nicht mit solidem Ernährungswissen ausgestattet sind, haben Patienten keine Chance.

Deutschland: Nur 138 Ernährungsmediziner

Wie sieht die Situation konkret in Deutschland aus? Ernüchternd. Stand 2024 gibt es in Deutschland nur 138 Ärzte mit der Zusatzbezeichnung „Ernährungsmedizin“. Bei über 400.000 berufstätigen Ärzten in Deutschland entspricht das weniger als 0,04 Prozent.

Zum Vergleich: Für Fachgebiete wie Allgemeinmedizin, Innere Medizin oder Chirurgie gibt es Zehntausende Fachärzte. Für den medizinischen Bereich mit dem größten Einfluss auf die Volksgesundheit gibt es keine 150 Spezialisten im ganzen Land.

Die Zahlen zeigen zwar eine positive Entwicklung – 2022 waren es noch nur 109 Ärzte, was einem Wachstum von 17,2 Prozent pro Jahr entspricht. Aber die Basis ist so niedrig, dass selbst dieses Wachstum Jahrzehnte bräuchte, um eine angemessene Versorgung zu gewährleisten.

Warum so wenige? Ein Hauptgrund: Ernährungsmedizin wird in Deutschland nicht als eigenständiges Fach an Universitäten gelehrt. Angehende Ärzte kommen während ihres gesamten Studiums kaum mit klinischer Ernährung in Kontakt. Ohne diese Grundlage und ohne Bewusstsein für die Bedeutung entscheiden sich nach dem Studium nur sehr wenige für eine Zusatzweiterbildung in diesem Bereich.

Deutschland liegt damit deutlich unter dem Durchschnitt anderer EU-Länder, wo Ernährungsmedizin teilweise fest im Curriculum verankert ist. Positive Entwicklungen gibt es aber: Mit dem NKLM 2.0 (Nationaler Kompetenzbasierter Lernzielkatalog Medizin Version 2.0) werden ab 2025 erstmals verpflichtende Lernziele für Ernährung in der neuen Approbationsordnung festgeschrieben. Ein Schritt in die richtige Richtung – aber nur ein kleiner.

Die Zusatzweiterbildung Ernährungsmedizin

Für Ärzte, die ihre Wissenslücke in Ernährung schließen wollen, gibt es in Deutschland die „Zusatzweiterbildung Ernährungsmedizin“. Seit 2018 ist dies eine offiziell geschützte Bezeichnung, die nach strukturierter Ausbildung von den Ärztekammern verliehen wird.

Voraussetzungen: Die Zusatzweiterbildung steht nur Fachärzten offen, die in einem patientennahen Gebiet tätig sind. Man muss also bereits eine komplette Facharztausbildung absolviert haben.

Umfang: Die Weiterbildung umfasst insgesamt 220 Stunden:

  • 100 Stunden Kurse mit theoretischen Inhalten
  • 120 Stunden Fallseminare mit praktischer Anwendung

Inhalte: Die Ausbildung ist in fünf Module gegliedert:

  • Grundlagen der Ernährungsmedizin (12 Stunden)
  • Ernährungsmedizin und Prävention (12 Stunden)
  • Methodik, Organisation, Didaktik und Qualitätssicherung (16 Stunden)
  • Enterale und parenterale Ernährung (10 Stunden)
  • Therapie und Prävention ernährungsrelevanter Erkrankungen (50 Stunden)

Abschluss: Die Weiterbildung endet mit einer Prüfung vor der zuständigen Landesärztekammer, typischerweise einem 30-minütigen fallbasierten Prüfungsgespräch.

220 Stunden klingen nach viel. Zum Vergleich: Eine Facharztausbildung dauert in Deutschland mindestens 5-6 Jahre mit mehreren tausend Stunden praktischer Tätigkeit. Die gesamte Ernährungsmedizin-Weiterbildung entspricht etwa 5-6 Arbeitswochen. Das verdeutlicht, wie marginal Ernährung selbst bei den wenigen „Spezialisten“ behandelt wird.

Positiv ist: Die Qualifikation verbessert nachweislich die Behandlungsoptionen und Karrierechancen. Ärzte mit Ernährungsmedizin-Zusatzbezeichnung können gezielt ernährungstherapeutisch arbeiten, Kassenzulassungen für Ernährungsberatung erhalten und sich von der Masse abheben.

Heuchelei: Donuts auf Adipositas-Konferenzen

Ein besonders absurder Aspekt des Problems: die systemische Heuchelei in medizinischen Einrichtungen selbst. Wie soll die Medizin Ernährung ernst nehmen, wenn sie nicht praktiziert, was sie predigt?

Konkrete Beispiele: Ärzte-Fortbildungen, bei denen über die Adipositas-Epidemie referiert wird – während Pizza und Softdrinks serviert werden. Nationale medizinische Konferenzen mit Morgensitzungen über Herz-Kreislauf-Prävention – begleitet von Donuts und Wurst.

Ist es angemessen, bei einer Facharzt-Konferenz über die hohe Prävalenz von Adipositas zu klagen und gleichzeitig den Teilnehmern zu empfehlen, gesünder zu essen – während man ihnen Fast Food serviert? Die Antwort ist offensichtlich nein. Aber es passiert routinemäßig.

Diese Heuchelei ist nicht nur peinlich – sie ist symptomatisch für die strukturelle Vernachlässigung von Ernährung in der Medizin. Wenn medizinische Organisationen, Krankenhäuser und Universitäten Ernährung wirklich ernst nehmen würden, würden sie:

  • In Krankenhäusern und Kliniken gesunde Verpflegung anbieten – für Patienten UND Personal
  • Auf medizinischen Konferenzen ausschließlich ernährungsphysiologisch sinnvolle Speisen servieren
  • Automaten mit Softdrinks und Süßigkeiten aus Gesundheitseinrichtungen entfernen
  • Ärzte und medizinisches Personal als Vorbilder für gesunde Ernährung positionieren

Ein guter Anfang wäre, wenn Ärzte und Gesundheitsorganisationen kollektiv beginnen würden, ihre Ernsthaftigkeit in Bezug auf Ernährung zu demonstrieren – indem sie praktizieren, was sie predigen sollten.

Was sollten Patienten tun?

Die Fakten sind ernüchternd. Aber was bedeutet das für Sie als Patient? Sollten Sie Ihrem Arzt bei Ernährungsfragen gar nicht mehr vertrauen?

Die Antwort ist differenziert:

1. Fragen Sie nach Qualifikationen
Wenn Ihr Arzt Ernährungsratschläge gibt, fragen Sie höflich: „Haben Sie eine Zusatzqualifikation in Ernährungsmedizin?“ oder „Haben Sie eine spezielle Ausbildung in klinischer Ernährung?“ Ein Arzt mit 220 Stunden Weiterbildung weiß mehr als einer ohne jegliche Ausbildung.

2. Suchen Sie gezielt Ernährungsmediziner
Die Ärztekammern führen Listen von Ärzten mit Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin. Wenn Sie ernährungsbedingte Gesundheitsprobleme haben (Diabetes, Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen), lohnt sich der Weg zu einem echten Spezialisten.

3. Ziehen Sie Oecotrophologen/Ernährungsberater hinzu
Zertifizierte Ernährungsberater (z.B. mit DGE-Zertifikat) und Oecotrophologen haben eine deutlich fundiertere Ausbildung in Ernährung als die meisten Ärzte. Viele Krankenkassen bezuschussen Ernährungsberatungen.

4. Bilden Sie sich selbst weiter
Evidenzbasierte Quellen wie NutritionFacts.org, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) oder wissenschaftliche Leitlinien bieten verlässliche Informationen – oft besser als der durchschnittliche Hausarzt.

5. Hinterfragen Sie pauschale Aussagen
Wenn Ihr Arzt sagt „Kohlenhydrate sind schlecht“ oder „Fett macht fett“ ohne Differenzierung – seien Sie skeptisch. Ernährung ist komplex, und pauschale Aussagen sind meist unseriös.

6. Fordern Sie evidenzbasierte Ratschläge
Fragen Sie: „Auf welchen Studien basiert diese Empfehlung?“ Seriöse Ärzte können Empfehlungen mit Evidenz begründen. Unsichere Ärzte weichen aus oder berufen sich auf „Erfahrung“.

Das Ziel ist nicht, Ärzte pauschal zu diskreditieren. Viele Ärzte sind sich ihrer Wissenslücken bewusst und verweisen bei Ernährungsfragen an Spezialisten. Das Problem sind jene, die den Dunning-Kruger-Effekt verkörpern: inkompetent und selbstüberzeugt zugleich.

Häufig gestellte Fragen

Wie viel wissen Ärzte über Ernährung?

Die meisten Ärzte wissen erschreckend wenig über Ernährung. Studien zeigen: 70% der Ernährungsfragen werden falsch beantwortet – selbst Basisfragen zu Kalorien, Protein-Empfehlungen oder gesundem BMI. In Deutschland gibt es nur 138 Ärzte mit Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin (2024). Ernährung wird nicht im Medizinstudium gelehrt.

Haben Ärzte Ahnung von Ernährung?

Nein, die große Mehrheit hat keine fundierte Ahnung. Weniger als die Hälfte kennt Kaloriengehalte von Makronährstoffen, nur 10% kennen Protein-Empfehlungen, nur 33% kennen gesunde BMI-Werte. 30% der Ärzte mit schlechtem Wissen überschätzen massiv ihre Kompetenz (Dunning-Kruger-Effekt). Anders als bei Chirurgie fehlt bei Ernährung echte Expertise.

Warum lernen Ärzte nichts über Ernährung?

Weil Medizinschulen es nicht lehren. Das Problem sind nicht die Studenten (die interessiert sind), sondern die Lehrpläne. Ernährungsmedizin ist kein Pflichtfach an deutschen Unis. Das Studium widmet dem Thema nur wenige Stunden. Erst ab 2025 werden mit NKLM 2.0 verpflichtende Lernziele eingeführt – ein kleiner Fortschritt nach Jahrzehnten Vernachlässigung.

Ist Ernährungsberatung vom Arzt sinnvoll?

Nur wenn der Arzt qualifiziert ist. Suchen Sie gezielt Ärzte mit Zusatzbezeichnung Ernährungsmedizin (220h Weiterbildung). Alternativ: Zertifizierte Ernährungsberater (DGE) oder Oecotrophologen haben fundiertere Ausbildung als durchschnittliche Hausärzte. Fragen Sie nach Qualifikationen und evidenzbasierten Empfehlungen. 78% folgen ihrem Arzt – bei schlechter Beratung mit fatalen Folgen.