Muskelkraft ist weit mehr als ein dicker Bizeps – sie gehört zu den wichtigsten Faktoren für ein gesundes, langes und selbstständiges Leben. Umso spannender ist eine neue Forschungsrichtung: Offenbar spielen auch die Bakterien in unserem Darm eine Rolle für unsere Muskeln. Man spricht bereits von einer Darm-Muskel-Achse. Was ein bestimmtes Bakterium damit zu tun hat und wie man es füttert.
Das Wichtigste in Kürze
- Höhere Muskelkraft (gemessen an der Griffkraft) ist mit einem bis zu 31 Prozent geringeren Sterberisiko verbunden.
- Neben Training und Ernährung beeinflusst auch das Darmmikrobiom die Muskelfunktion – die sogenannte Darm-Muskel-Achse.
- Ein Bakterium namens Roseburia inulinivorans stand in Studien in Zusammenhang mit höherer Muskelkraft.
- Im Mäuseversuch steigerte das Bakterium die Griffkraft um bis zu 30 Prozent – ganz ohne Training.
- Das Bakterium ernährt sich von Inulin, einem Ballaststoff aus Chicorée, Zwiebeln, Knoblauch und Spargel.
Warum Muskelkraft so wichtig für die Gesundheit ist
Muskelkraft ist einer der stärksten Marker für Gesundheit und Langlebigkeit. Eine Metaanalyse mit Daten von über zwei Millionen Menschen zeigt, dass eine höhere Muskelkraft – gemessen an der Griffkraft – mit einem bis zu 31 Prozent geringeren Sterberisiko verbunden ist als eine niedrige Muskelkraft.
Gerade im Alter verlieren viele Menschen an Muskelmasse und Kraft – ein Prozess, der als Sarkopenie bezeichnet wird. Bisher standen Bewegung, Krafttraining und Ernährung im Fokus. Doch neue Forschung deutet darauf hin, dass auch der Darm mitentscheidet.
Die Darm-Muskel-Achse
Die Darm-Hirn-Achse ist vielen ein Begriff. Neu ist die Erkenntnis, dass die Darmbakterien auch mit unseren Muskeln in Verbindung stehen. Über Stoffwechselprodukte, Entzündungssignale und die Nährstoffverwertung kann das Mikrobiom die Muskelfunktion beeinflussen. Man spricht deshalb inzwischen von einer Darm-Muskel-Achse.
Das Bakterium Roseburia inulinivorans
In einer Studie wurden die Stuhlproben von 90 jungen, sportlich inaktiven Menschen (18–25 Jahre) sowie 33 älteren Personen (über 65) analysiert. Ein Bakterium fiel besonders auf: Roseburia inulinivorans. Bei den jungen Teilnehmern galt: Je mehr davon im Darm war, desto höher die Griffkraft – ähnliche Trends zeigten sich bei Beinpresse und Bankdrücken sowie bei der maximalen Sauerstoffaufnahme, also der Ausdauer.
Bei den älteren Menschen war der Effekt besonders deutlich: Wer das Bakterium nachweisbar im Darm hatte, verfügte über eine rund 29 Prozent höhere Griffkraft als Personen ohne nachweisbare Mengen.
Vom Zusammenhang zur Ursache: der Mäuseversuch
Ein Zusammenhang bedeutet noch keine Ursache – kräftigere Menschen leben oft auch sonst gesünder. Um die Kausalität zu prüfen, testeten die Forschenden das Bakterium im Mausmodell. Über acht Wochen erhielten Mäuse Roseburia inulinivorans. Das Ergebnis:
- Bis zu 30 Prozent höhere Griffkraft in den Vorderbeinen gegenüber der Kontrollgruppe
- Größere Muskelfasern
- Ein höherer Anteil an schnellen Muskelfasern (fast-twitch), die für kraftvolle Bewegungen zuständig sind
Das Bemerkenswerte: Die Mäuse haben weder mehr gegessen noch sich mehr bewegt – allein das Bakterium machte den Unterschied.
Wie das Bakterium auf die Muskeln wirkt
Die Forschenden fanden Hinweise, dass das Bakterium mehrere Stoffwechselprozesse günstig beeinflusst, die für Muskelaufbau und -erhalt entscheidend sind:
- Aminosäurestoffwechsel: Die Bausteine für Muskeleiweiß standen besser zur Verfügung und wurden effizienter genutzt.
- Purinstoffwechsel: Wichtig für die Bildung von ATP, dem Energieträger der Zellen.
- Pentosephosphatweg: Ein Schutz- und Wartungssystem, das Zellen vor Stress schützt und bei Reparaturen hilft.
Unterm Strich: mehr Baustoff, mehr Energie und besserer Zellschutz.
Wie man das Bakterium im Darm fördert
Roseburia inulinivorans ist bislang kein Bestandteil klassischer Probiotika – als Kapsel kann man es nicht kaufen. Der Ansatz ist ein anderer: Jeder Mensch trägt das Bakterium in sich, viele aber nur in winzigen Mengen. Über die richtige Ernährung lässt sich sein Wachstum gezielt fördern.
Wie der Name verrät, ernährt sich das Bakterium von Inulin, einem präbiotischen Ballaststoff. Besonders viel Inulin steckt in:
- Chicorée
- Zwiebeln
- Knoblauch
- Spargel
- Topinambur
- Lauch
Was Studien zu Präbiotika zeigen
Dass sich die gezielte Fütterung der Darmbakterien lohnt, deuten erste Studien an: In einer randomisierten Studie mit älteren Menschen steigerte eine präbiotische Mischung mit Inulin nach 13 Wochen die Griffkraft um 17 Prozent. Zugleich sank die empfundene Erschöpfung um etwa 43 Prozent.
Wichtig: Die Forschung steht noch am Anfang, und viele Ergebnisse müssen erst am Menschen in randomisierten Studien bestätigt werden. Die Idee dahinter ist aber faszinierend – winzige Darmbakterien könnten mitentscheiden, wie stark unsere Muskeln sind.
Fazit
Muskelkraft ist ein Schlüssel für ein langes, selbstständiges Leben – und offenbar reden unsere Darmbakterien dabei mit. Das Bakterium Roseburia inulinivorans stand in Studien mit höherer Muskelkraft in Verbindung und steigerte im Mäuseversuch die Griffkraft deutlich, ganz ohne Training. Auch wenn die Forschung noch jung ist, lässt sich schon jetzt etwas Sinnvolles ableiten: Wer seine Darmflora mit Inulin aus Chicorée, Zwiebeln, Knoblauch und Spargel füttert, tut Darm und Muskeln zugleich etwas Gutes. Ein Ersatz für Bewegung ist das aber nicht – Muskeln brauchen weiterhin Belastung.
Häufige Fragen
Kann man ohne Training Muskeln aufbauen?
Nein. Darmbakterien können die Muskelfunktion unterstützen, echter Muskelaufbau braucht aber Belastung. Der Mäuseversuch zeigt einen Effekt auf die Kraft, ersetzt beim Menschen aber kein Training.
Was ist die Darm-Muskel-Achse?
Die Verbindung zwischen Darmbakterien und Muskelfunktion. Über Stoffwechselprodukte und Entzündungssignale kann das Mikrobiom die Muskeln beeinflussen.
Welches Bakterium stärkt die Muskeln?
In Studien fiel Roseburia inulinivorans auf. Mehr davon im Darm ging mit höherer Griffkraft einher, im Mäuseversuch steigerte es die Kraft um bis zu 30 Prozent.
Wie bekomme ich mehr von diesem Bakterium?
Nicht über Kapseln, sondern über die Ernährung: Das Bakterium ernährt sich von Inulin aus Chicorée, Zwiebeln, Knoblauch, Spargel und Topinambur.
Was ist Inulin?
Ein präbiotischer Ballaststoff, der bestimmten Darmbakterien als Nahrung dient. Er steckt vor allem in Chicorée, Zwiebeln, Knoblauch und Spargel.
Hilft das auch gegen altersbedingten Muskelabbau?
Möglicherweise. Ältere Menschen haben weniger von dem Bakterium, und eine präbiotische Mischung steigerte in einer Studie die Griffkraft. Bewegung bleibt aber die Basis.
Sind Probiotika-Kapseln sinnvoll?
Für dieses spezielle Bakterium gibt es keine Kapsel. Sinnvoller ist es, die eigene Darmflora über ballaststoffreiche, inulinhaltige Lebensmittel zu füttern.
Wie schnell wirkt eine Ernährungsumstellung?
Die Darmflora verändert sich schon nach Tagen, spürbare Effekte auf die Kraft brauchen aber Wochen bis Monate – in Studien zeigten sich Verbesserungen nach etwa 13 Wochen.
Simon G. ist Redakteur bei GesundeFakten und schreibt über Ernährung, Gesundheit und den kritischen, evidenzbasierten Umgang mit Studien. Sein Anspruch: wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich und alltagstauglich aufbereiten – ohne Panikmache und ohne leere Versprechen.



